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Summertime
Reflexion/Selbstreflexion
Sybille Berger, Lucinda Devlin, Ger van Elk, Thomas Florschuetz, Carla Guagliardi, Aino Kannisto, Barbara Köhler, Yannick Koller, Mischa Kuball, Lee Ufan, Melanie Manchot, Nam June Paik, François Perrodin, Jens Stittgen, Boris Savelev, Richard Serra
 


Sybille Berger, 2004
Richard Serra, Garden Arc, 1986



Lucinda Devlin, Sybille Berger
Aino Kannisto



Ger van Elk, Nam June Paik
Thomas Florschuetz



Richard Serra, Garden Arc, 1986
Lee Ufan, Wallpainting, 2006



Barbara Köhler, The promised rose garden, 2006



Mischa Kuball, Public Stage, 2000



Melanie Manchot, For a Moment Between Strangers, 2001

Summertime – so lautet der ungewöhnliche Titel der neuen Ausstellung in der Galerie m Bochum, die passend zur Jahreszeit kommt und eine Entdeckungsreise jenseits des Alltags verspricht.
Eine Vielfalt an künstlerischen Positionen sprengt all zu kategorische Begrifflichkeiten und bietet dem Besucher Beobachtungen und Erfahrungen auf unterschiedlichsten Ebenen. Zentrale Themen sind Reflexion und Selbstreflexion – des Künstlers, seiner Kunst und des Betrachters. Ausgehend von multimedialen Werken entwickelt sich die Ausstellung zu einem Kunstraum, in dem die sinnliche Wahrnehmung dominiert und die jeweiligen Medien als solches thematisiert oder gar überwunden werden. Gleichzeitig entsteht ein komplexer Dialog zwischen den verschiedenen Gattungen untereinander und mit dem Betrachter.


Erstmals zeigt die Galerie m Bochum einen Videoraum der Berliner Künstlerin Melanie Manchot, die New Yorker Passanten mit Ihrer Überlegung „I wonder whether you would give me a kiss“ konfrontiert und damit erstaunliche Reaktionen provoziert. In der Videoinstallation von Thomas Florschuetz wird das Auge des Künstlers zum Motiv. Auf insgesamt drei Bildschirmen bewegen sie sich scheinbar unabhängig voneinander und entwickeln ein seltsam anmutendes Eigenleben. Es kommt zu einem Wechselspiel zwischen betrachten und betrachtet werden, ein Thema, das auch in der gezeigten Fotografie von Lucinda Devlin im Mittelpunkt steht, bei der verblüffender Weise die Kamera auf den Betrachter gerichtet ist.
In Public Stage kombiniert Mischa Kuball in einem Tryptichon Fotografien und Leuchtkästen zu einer faszinierenden Einheit, in der er einerseits auf sein eigenes Werk Bezug nimmt, andererseits den Betrachter näher an das Bildgeschehen rückt. Yannick Koller konterkariert dagegen den „klassischen“ Produktionsprozess von Fotografie, indem sie 8mm-Filme als Ausgangspunkt ihrer Werke verwendet. Die Wandinstallation Flattening of the Brookes Surface von Ger van Elk bringt ebenfalls die statischen Gattungsbegriffe der Kunstgeschichte ins Wanken. Der Künstler verbindet in seinen „bewegten Bildern“ Fotografie, Film und Gemälde zu einem poetischen Zusammenspiel. Nam June Paik, der als Begründer der Video-Kunst gilt, bildet schließlich mit seiner Installation eines auf einer bunt bemalten Staffelei angebrachten Monitors aus dem Jahr 1984 den Übergang zu den malerischen Werken der Ausstellung.


Zeit und Immaterialität, die bei rein multimedialen Arbeiten als integraler Bestandteil gelten, offenbaren sich in den quasi zweidimensionalen Werken von Sybille Berger und François Perrodin als neue Dimensionen. So verliert sich in der Betrachtung der in unzähligen Schichten aufgetragenen roten Farbe von Sybille Berger der Eindruck von Materialität, so dass sich nach und nach ein subjektives Raumerlebnis einstellt. Die Hinterglasmalerei 63.5. von François Perrodin oszilliert zwischen kühler, eleganter Perfektion und der Tatsache, dass diese schwarze Fläche als Reflex des Raumes und als Spiegelbild des Betrachters fungiert. Während Perrodings Werk den umgebenden Raum integriert, verschließt sich die Zeichnung Garden Arc von Richard Serra gegenüber ihrer Umgebung. Die schwarze Fläche wirkt neben Bergers rotem Farbgeschehen abstrakt und nüchtern. Wie bei einigen anderen Werken der Ausstellung wird auch in Lee Ufans Wandmalerei Resonance die Frage nach dem eigentlichen Ort des Bildgeschehens aufgeworfen. Durch den Wegfall des traditionellen Bildträgers und somit des bildbegrenzenden Rahmens werden bei ihm völlig neue Wahrnehmungsebenen außerhalb der visuellen Erfahrung angesprochen. Der Aspekt der Vergänglichkeit einer solchen Wandarbeit, die ausschließlich für den Ausstellungskontext geschaffen wurde, findet sich auch in der Wandinstallation von Carla Guagliardi. Deren Arbeit besteht aus Gummibändern und in diese eingespannte Luftballons. Die durch die Luft erzeugte Spannung in den aufgeblasenen Ballons und die Dehnbarkeit sowohl dieser als auch der Bänder, unterliegt dieses fragile, vergängliche Wandobjekt einem ständigen Wandel.


Die Fotografien von Aino Kannisto und Boris Savelev reflektieren dagegen die eigene Identität – in Form des Schattens und des Spiegelbildes – und verweisen auf psychologische und philosophische Aspekte der Existenz. Auch die kraftvolle Malerei von Jens Stittgen geht weit über die abbildende Funktion seines Mediums hinaus. Eine scheinbare chaotische Fläche wild gesetzter Farben aus der sich die Gestalt eines Menschen herausbildet und die jedoch nie ganz greifbar wird.


Eine spielerisch reflexive Haltung entwickelt die Autorin Barbara Köhler in ihrem speziellen Medium – dem der Sprache und der Typographie – indem sie die Möglichkeiten der Wortschöpfung und Wortentwicklung in Form eines Buchstabenquadrats nutzt.


Die sinnliche und reflexive Qualität aller gezeigten Werke vermittelt komplexe Sichtweisen und Aussagen, die für den Betrachter unmittelbar erfahrbar sein können. Ein solches „Konkretwerden“ von Erfahrung, komplexer Kommunikation und Interaktion, nicht als „fertiges“ Erleben in Form von fest umrissenem Bildgeschehens wahrzunehmen, sondern als Prozess, ist die Herausforderung von Summertime.