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Kreuzweg







Przemyśl, Fort VII Prałkowce, Galizien, Woiwodschaft Karpatenvorland
Polen,
2014

Tannenberg, Hohenstein, Ostpreussen, Olsztynek, Woiwodschaft Ermland-Masuren, Polen, 2014

beide: Tapisserie
292 x 223 cm



Vom 5. Dezember 2014 bis zum 14. Februar 2015 zeigt die Galerie m Bochum erstmals eine Ausstellung mit Werken von Stephan Schenk (*1962 in Stuttgart), der in Lüen im Schweizer Kanton Graubünden lebt und arbeitet. Zu sehen sind Tapisserien und Fotografien aus der Serie “Kreuzweg”. Sie zeigen in extremer Nahsicht Ausschnitte des Geländes von Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs.

Die 14 Tapisserien der Serie sind ausgehend von fotografischen Bildern gefertigt und hängen mit ihrer beeindruckenden Größe von je 295 x 223 cm vor der Wand. Das Gewebte zeigt nahe und detaillierte Ansichten natürlichen Geländes: Blätter, Zweige, Erde, Gras, Wasser. Nichts verleiht den Bildern den Anschein, man habe etwas Außergewöhnliches, Spektakuläres vor Augen. Der Blick schweift ziellos über eine jeweils andere Flora. Fesselnd ist dabei zunächst die schlichte Schönheit der gewebten Naturstücke.
Die Tapisserien sprechen den Betrachter auf einer körperlich-räumlichen Ebene an, die sehr direkt und wenig distanziert ist. Dies gilt auch für die Perspektive des Blicks auf die Erde, den die Werke zeigen: Der Betrachter wähnt sich nur wenige Zentimeter von der Erdoberfläche entfernt und er ist dieser so frontal zugewandt, dass ein Oben und Unten kaum mehr auszumachen ist.
Stephan Schenk zeigt in seinen Arbeiten Ausschnitte geschichtsträchtigen Geländes. Er ist zu den einstigen Schlachtfeldern gereist und hat mit seiner Kamera die Erdoberfläche der Orte festgehalten, an denen hunderttausende Menschen gestorben sind. In der reinen Anschauung der Werke formuliert sich dies nicht. Die Titel der Arbeiten aber erweitern den Blick: Sie geben an, wo die Fotografien aufgenommen wurden. Verdun, Somme, Tannenberg – diese Namen werden auch heute noch unmittelbar mit dem Ersten Weltkrieg assoziiert.

Stephan Schenks Tapisserien verzichten bewusst auf jeden Anschein von Objektivität: Die steile Perspektive und die starke Ausschnitthaftigkeit lassen keine geographische Verortung zu. Durch die Übersetzung der Fotografien in das Medium der Tapisserie konterkarieren die Werke mit den medialen Eigenschaften, die fotografischen Bildern häufig den Anschein von Objektivität verleihen: Beim Herantreten werden eben nicht mehr Details sichtbar und es handelt sich nicht um Bilder, die sich gleichsam „von selbst“ dem Stoff eingeschrieben haben.
Schenk geht vielmehr von der Annahme aus, dass ein solch traumatisches Ereignis wie der Erste Weltkrieg grundsätzlich nicht objektiv visualisierbar ist. Die Fotografien und Tapisserien der Serie „Kreuzweg“ sind daher eher als Anstoß zu einer Auseinandersetzung zu verstehen und forcieren dies auf vielfältige Art und Weise. Im Hinblick auf die Umsetzung der Bilder im Medium der Tapisserie fasziniert der Gedanke des „Ineinander-verwoben-seins“ von Schicksalen und Geschichte. Der Titel der Serie, „Kreuzweg“, setzt hier an. Mehr noch als die religiöse Bedeutung des Begriffs, die hier durchaus eine Rolle spielt, beispielsweise weil der Erste Weltkrieg bereits von Zeitgenossen häufig als „Martyrium“ bezeichnet wurde, interessiert Schenk die Idee „sich kreuzender Wege“ mit der Option, den eingeschlagenen Weg selbst zu wählen. Dies erscheint im Hinblick auf die schicksalhaften Kettenreaktionen, die zum Ersten Weltkrieg führten, als ein bemerkenswerter Gedanke.

Schenk geht es in seinen Werken darum, die Erinnerung an die Opfer und an das Leiden des Ersten Weltkriegs wachzuhalten – in Form einer dezidiert nicht objektiven, sondern vor allem auf Erfahrung angelegten Erinnerungskultur. Stephan Schenks Serie „Kreuzweg“ gewährt dem Betrachter eine große Offenheit an Reflexionsmöglichkeiten. Ohne eine Lesart vorzugeben entfaltet sich in Anbetracht der Werke und mit dem Wissen um die Orte ein individuelles, emotionales Gedankenspiel, im Zuge dessen der Betrachter das Gezeigte mit Inhalt und Bedeutung füllt.